Internist Dr. Karl Köhler

Verlängert die moderne Medizin unser Leben?

Vorbemerkung zum Stil: Da es mir wichtig ist glaubhaft zu sein, erwähne ich die Quelle (einer Behauptung) in Klammer und gebe ihr eine Nummer, sodass bei wiederholtem zitieren nur mehr diese Nummer in Klammer angefügt wird.

1965 – ich kann es deshalb so genau sagen, weil kurz danach ein Fackelzug zur Rochuskapelle mit riesigem Freudenfeuer und langen Reden stattfand , in denen 100 mal „Staatsvertrag“ und 30 mal „Russische Stiefel“ vorkam - lernte ich in der Schule, dass die durchschnittliche Lebenserwartung des Menschen 40 Jahre sei. Herr Lehrer Eichinger zeichnete uns einen kleinen Wald von längeren und kürzeren Strichen auf die Tafel, welche die erreichten Lebensalter der einzelnen Menschen darstellten, und machte dann bei 40 Jahren einen langen horizontalen Strich quer durch mit den Worten: „Diese Linie zeigt den Durchschnitt an. Manche leben länger, manche weniger lang, aber im Durchschnitt wird der Mensch 40 Jahre alt“. Und das habe ich mir gut gemerkt, obwohl es nicht ganz richtig war, denn die mittlere Lebenserwartung für Wien betrug bereits 1951 etwa 70 Jahre (extrapoliert aus „Die Wiener Bevölkerung in den letzten Jahrhunderten“, statistisches Amt der Stadt Wien, *1), während es um 1900, als die Ringstraßenpalais in voller Blüte standen, wirklich 42 Jahre waren (Statistik des Lebens, Forum Gesundheit 2009, *2). 2011 betrug die Lebenserwartung in Wien für Männer 77,1 und für Frauen 82,4 Jahre – also im Mittel knapp 80 Jahre (Statistik Austria, *3). Somit kann man sagen, dass in den ersten 50 Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Lebenserwartung der Wiener um 28 Jahre gestiegen ist und in den nächsten 60 Jahren noch einmal um 10 Jahre.

An dieser Stelle lade ich meine verehrten Leserinnen und Leser zu einem Rundgang durch Ihre Ahnengallerie ein. - Sie werden feststellen, dass die Mehrzahl Ihrer um 1900 geborenen Vorfahren weit älter als 42 Jahre wurden, sofern sie nicht Opfer der Weltkriege wurden. Denn die Säuglingssterblichkeit, die damals 192 pro 1000 Geburten betrug (*1), muss noch herausgerechnet werden. Die Lebenserwartung eines Einjährigen (Schnitt für männlich und weiblich) betrug daher 52 Jahre ( 42x1000:(1000-192) = 52 ). Analog 1961 bei Säuglingssterblichkeit 32,7/1000 72 Jahre und 2011 bei Säuglingssterblichkeit 3,6/1000 81 Lebensjahre. (*2, Zahlen für Österreich). Bis 1960 hat daher (hauptsächlich) die Verbesserung der Geburtshilfe 10 Jahre Zuwachs an Lebenserwartung gebracht, danach nur mehr ein Jahr.

Nach Geburt und erstem Lebensjahr kann man sich seiner Gesundheit eine Zeit lang relativ sicher sein: Das Risiko bis 30 einer Krankheit zu erliegen beträgt heute etwa 0,003% oder weniger als 1:30 000. Doppelt so hoch die Bedrohung durch Verkehrsunfälle, Selbstmord und Drogen. Todesfälle in der Jugend sind allerdings tragisch: In der 5. Klasse Gymnasium sind wir in zwei großen Autobussen nach Auersthal aufs Begräbnis von Rosa Pertl, einer Mitschülerin aus der Parallelklasse gefahren. Das ganze Dorf war auf den Beinen, vielleicht 1000 Menschen und gut 30 Kränze. Sie ist damals an Leukämie gestorben. Im Jahre 2013 hätte sie überlebt.

Kaum sind die 30 Kerzen der Geburtstagstorte ausgeblasen, steigt irgendwo im Himmel der Tod in sein Raumschiff und nimmt Kurs auf uns. Dabei feuert er in regelmäßigen Intervallen Geschosse gegen unser Leben. Am Anfang ist er noch sehr weit weg und trifft daher selten, aber er rast auf uns zu und mit jedem Lebensjahrzehnt wird seine Trefferquote besser. Vom 30. bis zum 40. Geburtstag trifft er 0.6%, von 40 bis 50 noch einmal 1,6% und 50-60 noch einmal 4,4% (Zahlen für 2011, *3). Wie aus obigem folgt erreichten 2011 etwa 93,5% derer, die nicht als Säugling starben ihren 60. Geburtstag und mit dem Schicksal dieser großen Mehrheit und was sich seit 1960 für sie geändert hat möchte ich mich im Rest dieses Artikels befassen. Um ihn nicht mit zu vielen Zahlen zu versalzen, gebe ich immer die Durchschnittswerte der Geschlechter an, wiewohl allgemein bekannt ist, dass Frauen etwas länger leben.

Zunächst Torten-Diagramme für die nächsten drei Dekaden: Schwarz die Wahrscheinlichkeit (für 2011) im dargestellten Lebensjahrzehnt zu versterben. Grau die Wahrscheinlichkeit es zu überlebenden aus 1960. Weiß/schraffiert die Verbesserung der Wahrscheinlichkeit zu Überleben 1960 – 2011 (Alle Daten *3).

Das Diagramm für 90-100 ist eine schwarze Scheibe, denn den 100. Geburtstag kann man nur im Gen- und Schicksalslotto gewinnen. Die Wahrscheinlichkeit ihn zu erleben beträgt ab Geburt etwa 1:5000 (Wikipedia, englische und amerikanische Zahlen wegen der Weltkriege).

Wie die linke Graphik zeigt, hat sich für einen/eine 60-Jährige(n) das Risiko in den nächsten zehn Jahren zu sterben in den letzten 50 Jahren etwa halbiert. Am Diagramm in der Mitte können Sie erkennen, dass ein/e 70-Jährige(r) um ein Viertel mehr Chance auf den 80er hat. Rechts sehen Sie, dass heute fast dreimal so viele 80-Jährige wie damals ihren 90. Geburtstag erleben. Man hatte 1960 schon genug zu essen, die Wohnungen waren im Winter geheizt und das Trinkwasser war unproblematisch. Der Gewinn an Lebenserwartung ist somit zumindest großteils der verbesserten Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten zuzuschreiben .

Welcher Krankheiten? Vergleichen wir Opfer der größten Killer - Krebs, Herzkrankheiten und Schlaganfall - und (als Beispiel für Infektionskrankheiten) Infektionen der Atemwege der Jahre 1960 und 2010 im folgenden Diagramm: Die schraffierten Säulen zeigen die Todesfälle pro 10000 Personen für etwa 60-Jährige (links), etwa 70-Jährige (Mitte) und etwa 80-Jährige (rechts). Davor Stehen in schwarz die Toten des Jahres 2010. (Center for Disease Control: 2010 Mortality Multiple Cause Micro-data Files, Vital Statistics of the United States, 1960)

Sie erkennen, dass in den dargestellten reiferen Jahren besonders im Kampf gegen den vorzeitigen Tod am Herzinfarkt, am Schlaganfall und an Lungenentzündung einiger Fortschritt erzielt werden konnte, während der Krebs sich als besonders harter Gegner erweist. Was im Detail zur Reduktion der Todesrate verschiedener Krankheiten geführt hat, soll Thema späterer Folgen dieser Serie werden. Aber für diesmal ist es genug und beim nächsten Mal geht es um ein heikles Thema: Um die „Bitteren Pillen“ also um Medikamente.